Predigt zu Matthäusevangelium Kapitel 3, 13-17

Liebe Gemeinde,

der häufigste Grund, warum Menschen sagen, sie glaubten nicht an Gott, ist die Unzufriedenheit mit dem, was Gott in ihrem Leben – oder sehr oft auch im Leben anderer Menschen – getan hat.
„Gott hat mir nicht geholfen“ oder „Wo war Gott, als jemand schwer krank wurde?“ oder „Wo war Gott, als so viel Ungutes passiert ist?“ – wo war Gott in all den fürchterlichen Ereignissen, die im Namen von Religionen gegen Menschen in der Geschichte der Menschheit geschehen sind?

In unserem heutigen Bibeltext begegnen wir einer Bewegung um Johannes. Er war ein Mensch, der die damalige Situation störte, sie kritisierte und ein abgeschiedenes Leben führte. Er forderte die Menschen zu Buße und Umkehr auf. Viele folgten ihm und gingen diesen Weg, aber es gab auch genug Menschen, denen das überhaupt nicht passte. Johannes taufte. Und einer der Menschen, die zu Johannes kamen, war Jesus – damals ein Unbekannter, ein Unwichtiger, einer, den niemand kannte. Einer, der vielleicht selbst noch nicht wusste, wohin sein Leben führen würde und welchen Plan Gott mit ihm hatte.

Vielleicht steckte Jesus damals in einer Lebenskrise. Vielleicht kam er zu Johannes, weil er einfach nicht wusste, was er mit seinem Leben anfangen sollte. Das wissen wir nicht. Doch wir wissen: Er ließ sich taufen – genauso wie wir. Er ließ sich ein auf den Ruf des Johannes, der sagte: „Kehrt um! Verändert euer Leben! Tut das, wofür ihr bestimmt seid!“

Diese Idee entsteht oft aus Umständen, die nicht optimal sind. In dieser Situation wird Jesus getauft, und der Geist Gottes gibt ihm den allerschönsten Zuspruch, den wir Menschen uns nur wünschen können:
„Du bist mein geliebtes Kind, an dir habe ich Wohlgefallen!“

Wir leben in einer Welt, in der viele Generationenuns diese Worte viel zu selten gehört haben. Wir gehören zu einer Generation, die sich bemüht, ihren Kindern das zu sagen – aber in den Turbulenzen des Alltags müssen wir oft hoffen, dass unsere Kinder es wirklich hören:
„Du bist mein geliebtes Kind. Du gefällst mir.“

Diese Worte werden Jesus nicht gesagt, weil er großartige Dinge getan hat. Sie werden ihm nicht gesagt, weil er ein besonders braves Kind Gottes war oder seine Aufgaben gut erfüllt hat. Sie werden ihm gesagt, obwohl er noch nichts getan hat. Das Einzige, was er getan hat: Er ließ sich taufen.

Wir Menschen können uns sehr gut in die Situation Jesu von damals hineinversetzen: eine unsichere Welt, die Suche nach dem eigenen Weg, das Bemühen, das Leben so gut wie möglich zu leben – und doch nichts Gewisses. Je nach emotionaler Verfassung erleben Menschen diesen Lebenszustand als bedrohlich, alltäglich oder sogar als wunderschön. Schön ist er nur dann, wenn wir vertrauen können. Vertrauen – aus nur einem Grund: aus der höchst instabilen Gewissheit, Gottes Kinder zu sein. Aufgrund wovon? Aufgrund einer Sehnsucht. Aufgrund der Taufe.

Im Laufe der Gegenreformation im 17. und 18. Jahrhundert war die Situation in dieser Region sehr unsicher und bedrohlich, dadurch entstand eine gewaltige Exulantenbewegung. Viele Menschen aus dem damaligen Habsburgerreich wurden aufgrund ihres Glaubens vertrieben – eine unangenehme Lage in der viele Menschen mehr nach eigener Sicherheit und nicht nach Selbstverwirklichung oder Mission gefragt haben. 


Christian David, geboren 1692 im Mähren, Zimmermann und Sohn eines katholischen Zimmermanns namens Jan und einer ebenfalls katholischen deutschen Frau namens Rosina, war zunächst ein eifriger Katholik. Er lernte jedoch die protestantische Spiritualität der Böhmischen Brüder kennen. Diese persönliche Form des Glaubens faszinierte ihn, und er suchte Wege in lutherische Länder. Er trat der preußischen Armee bei, kehrte jedoch einige Jahre später nach Mähren zurück, um dort seine neuen Glaubensgeschwister zu unterstützen.

1722 kam er mit einer Gruppe Glaubensflüchtlinge zu Graf Zinzendorf in DE in Oberlausitz und baute am Hutberg das erste Haus der Siedlung Herrnhut. Dort wurden später protestantische Gläubige aus Böhmen, Mähren und Österreich aufgenommen. Die Gemeinschaft verstand sich als tolerant und ökumenisch und lebte eine persönliche Beziehung zu Gott. Sie war stark geprägt von der Erfahrung, dass anfängliche Meinungsunterschiede und Streitigkeiten durch, Buße, Gebet, Toleranz und Vertrauen auf Gott überwunden werden konnten. Diese Erfahrung führte die Gruppe der Flüchtlinge zur Missionsarbeit.

1738 fuhr Christian David als Missionar nach Livland, dem heutigen Lettland. Dort lebten lettische Bauern als Leibeigene in Armut, schwerer Arbeit und Verzweiflung. Die Gründung der Herrnhuter Brüdergemeinden ermöglichte den lettischen Bauern nicht nur ein religiöses Leben, sondern wurde auch zu einer intellektuellen und sozialen Erweckungsbewegung. Mehrere Historiker gehen davon aus, dass diese Gemeinden zwischen 1738 und 1918 etwa 100.000 Menschen umfassten und die Entstehung der lettischen Nation ermöglichten.

Die Gründung der Brüdergemeinden hatte tiefgreifende soziale Folgen: Gefängnisse und Gasthäuser wurden geschlossen, die soziale Not nahm ab und die Richter hatten weniger Arbeit.

Das Wesentliche der Herrnhuter Gemeinden war das gemeinsame Vertrauen auf Gott, die persönliche Beziehung zu Jesus, Bildung und Gemeinschaft. Sie trafen sich regelmäßig zu den sogenannten Liebesmahlen, bei denen sie sich über ihr Leben und ihre Erfahrungen mit Gott austauschten, Tee tranken und Rosinenbrot aßen. Die Spiritualität wurde durch regelmäßiges Bibellesen gepflegt. Diese Spiritualität lebt in evangelischen Kreisen bis heute fort. Eine Form des täglichen Bibellesens sind die sogenannten Losungen: für jeden Tag des Jahres ausgeloste kurze alttestamentliche Texte mit einem passenden neutestamentlichen Vers und einem Gebet. Die Losungen sind heute weltweit bekannt und ein wichtiger Teil evangelischer Spiritualität. Sie zeigen einen Glauben, der für das individuelle und alltägliche Leben von großer Bedeutung ist.

Im Jahr 2026 lassen wir uns vom Losungswort dieses Jahres leiten:
„Siehe, ich mache alles neu.“
Dieser Vers aus der Offenbarung, Kapitel 21, spricht in eine unsichere und gefühlt unprognosierbare Welt hinein. In unsere Ungewissheit hinein.

Die böhmisch-mährische Exulantenbewegung war auch ein Weg ins Ungewisse. Diese Menschen wussten oft nichts anderes, als dass sie zu Jesus gehörten. Mit dieser Zugehörigkeit zu Gott starteten sie in das Ungewisse und ließen etwas neues entstehen. Auch wenn die grausame Zeit der Vertreibung nicht mit unserer heutigen Situation vergleichbar ist, kennen viele Menschen auch heute das Gefühl von Unsicherheit und Ungewissheit. Manche klammern sich an fundamentalistische Gruppierungen, die scheinbare Stabilität und Sicherheit geben. Dabei dürfen wir nicht vergessen: Alles, was wir über Gott und seinen Willen denken, sind letztlich unsere Gedanken. Gott ist unbegreiflich und unverfügbar. Alleine das spricht endgültig gegen jegliche Form von Fundamentalismus.

Jesus steht am Tag seiner Taufe in Solidarität mit all den Menschen, die Ungewissheit kennen – nicht nur angesichts Gottes, sondern auch angesichts des Lebens. Glauben bedeutet, diese Ungewissheit im Vertrauen auf Gott auszuhalten und daraus etwas wachsen lassen. Josua sagte zu den Priestern: „Heiligt euch, denn Gott wird Wunder an euch tun.“ Jordan, viele Jahre vor Jesus…. Glaube beginnt mit dieser Überzeugung. Und Glaube wächst in der Fähigkeit, die Wunder wahrzunehmen. Glaube ist die Kunst der Wahrnehmung – der Wahrnehmung Gottes, der nicht an bestimmte Orte oder Rituale gebunden ist, sondern mitten in unserem Leben zu Hause ist.

Auch unsere Taufe bedeutet, dass wir zu Gott gehören. Als Christinnen und Christen stehen wir in der Tradition der Getauften – zusammen mit Jesus und all denen mit und durch die Gott seine Wunder in dieser Welt geschehen lässt. Amen.

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Predigt am 2. Sonntag nach Christfest - 4.1.2026