Predigt zu Hesekiel 2, 1-10, 31-1-2
BIBELTEXT:
1Und er sprach zu mir: Du Menschenkind, stelle dich auf deine Füße, so will ich mit dir reden. 2Und als er so mit mir redete, kam der Geist in mich und stellte mich auf meine Füße, und ich hörte dem zu, der mit mir redete. 3Und er sprach zu mir: Du Menschenkind, ich sende dich zu den abtrünnigen Israeliten und zu den Völkern, die von mir abtrünnig geworden sind. Sie und ihre Väter haben sich bis auf diesen heutigen Tag gegen mich aufgelehnt. 4Und die Kinder, zu denen ich dich sende, haben harte Köpfe und verstockte Herzen. Zu denen sollst du sagen: »So spricht Gott der Herr!« 5Sie gehorchen oder lassen es – denn sie sind ein Haus des Widerspruchs –, dennoch sollen sie wissen, dass ein Prophet unter ihnen gewesen ist.
8Aber du, Menschenkind, höre, was ich dir sage, und widersprich nicht wie das Haus des Widerspruchs. Tu deinen Mund auf und iss, was ich dir geben werde. 9Und ich sah, und siehe, da war eine Hand gegen mich ausgestreckt, die hielt eine Schriftrolle. 10Die breitete sie aus vor mir, und sie war außen und innen beschrieben, und darin stand geschrieben Klage, Ach und Weh.
1Und er sprach zu mir: Du Menschenkind, iss, was du vor dir hast! Iss diese Schriftrolle und geh hin und rede zum Hause Israel! 2Da tat ich meinen Mund auf und er gab mir die Rolle zu essen 3und sprach zu mir: Du Menschenkind, gib deinem Bauch zu essen und fülle dein Inneres mit dieser Schriftrolle, die ich dir gebe. Da aß ich sie, und sie war in meinem Munde so süß wie Honig.
Liebe Gemeinde,
wir leben in einer Zeit, in der wir ununterbrochen etwas hören: Nachrichten, Meinungen, Sprachnachrichten, Podcasts, Warnungen, Erwartungen, den Lärm von Autos und Betrieben. Und selbst wenn wir in der Stille sind, ist unser Gedankenkarussell oft sehr laut und kaum zu stoppen.
Wir haben gelernt, nicht zuzuhören, weil es einfach zu viel ist. Außerdem: Wir hören nicht alles gleich gern. Manches blenden wir aus. Manches überhören wir bewusst, weil es uns wehtut, weil es uns stört.
Und manchmal hören wir zwar zu - aber lassen es nicht wirklich an uns heran.
Gleichzeitig gibt es Worte, auf die wir warten. Worte, auf die wir hoffen und haben das Gefühl, dass wir sie zu wenig hören und dringend brauchen.
Der Prophet sieht etwas, das er nicht versteht und wonach er nicht gefragt hat. In dem vorausgehenden Kapitel hat er eine Vision, ihm begegnet die Herrlichkeit Gottes. Etwas Unerklärbares geschieht in seinem Leben. Nun liegt er mit seinem Angesicht am Boden um zu hören.
Aus diesem Bild können wir etwas für uns mitnehmen.
Wie stellen wir uns eine Begegnung mit Gott vor? Oft verbinden wir sie mit unglaublich schönen, beglückenden, himmlischen Gefühlen. So sind unsere Erwartungen. Doch vielleicht ist das eine romantisierte, unrealistische Vorstellung.
Ich glaube, wir begegnen Gott im Leben viel öfter, als wir denken. Nur wir nehmen das nicht wahr oder wir ordnen es dem göttlichen nicht zu, weil das Erlebte unseren Vorstellungen nicht entspricht.
Denken wir daran: der ewige Gott spricht zu uns mit derselben Stimme, mit der er zu dem Propheten gesprochen hat.
Kennen wir diese Stimme, die sagt: "Steh auf! Finde deine Haltung! Finde, wer du wirklich bist! Finde deinen Auftrag!"
Diese Stimme verändert das Zuhören. Unsere Haltung verändert das Zuhören. Ohne auf dem Boden zu liegen, ohne nur aus Angst und Schmerz zu Gott zu schreien, hören wir Gott anders zu: aufgerichtet, aufmerksam, offen, bereit seine Stimme aufzunehmen.
Hören ist anstrengend. Wir leben in einer Zeit, die so laut ist, dass das Hören besonders schwer geworden ist. Vielleicht ist es auch deshalb zunehmend schwierig die Stimme Gottes zu erkennen.
Wir brauchen eine innere Haltung, die uns aufnahmefähig macht und für eine besondere Begegnung fähig macht.
Wer innerlich am Boden liegt, kann nichts Neues mehr aufnehmen. Aufstehen, sich aufrichten, bedeutet keine Überheblichkeit, keine Selbsterhöhung oder Arroganz. Es ist eine lebensnotwendige Position eines Menschen.
Als Zeichen dafür spricht Gott den Propheten als "Menschensohn" an. Er ist ein Mensch unter Menschen. Einer, der zweifelt, ringt und nach Orientierung sucht und gleichzeitig mit Gott spricht.
Er bekommt einen Auftrag. Hesekiel wird gesandt zu Menschen, die nicht hören wollen. Zu Menschen mit harten Köpfen und verschlossenen Herzen. Zu Menschen, die vielleicht schon zu viel gehört haben: zu viele Vorwürfe, zu viele fromme Floskeln, zu viele falsche Versprechen.
Es ist keine angenehme Aufgabe für den Propheten. Viel schöner wäre es doch zu Menschen zu sprechen, die auf seine Worte warten und sich über sie freuen.
Doch Gott schickt den Propheten zu Menschen, die er weder überzeugen noch als Zuhörer gewinnen kann. Eine bittere Aufgabe!
Wie oft kennen wir das aus unserem Leben. Wie oft fühlen sich unsere Aufgaben bitter an. Meistens tun wir etwas ohne sicher zu wissen, was am Ende daraus wird.
Vielleicht ist das ein Bild auch für die christliche Botschaft in dieser Welt, in der sie zwar überflüssig wirkt und doch nie überflüssig ist.
Gottes Auftrag an jeden einzelnen Christen ist nicht, jemanden zum Glauben zu manipulieren, zu zwingen, zu überreden oder zu überzeugen. Die einzige Aufgabe ist: In Anwesenheit Gottes zu leben und diese Erfahrung nicht zu verschweigen. Wie kommt man zu dieser Stärke in der heutigen Welt – zu dem aufgerichteten, sprachfähigen Christsein?
Im Predigttext begegnet uns ein starkes, ja, fast verstörendes Bild: Hesekiel soll eine Schriftrolle essen. Er soll nicht nur hören, sondern das Gesagte in sich aufnehmen, es durch sich hindurchgehen lassen, es schmecken, es körperlich spüren.
Die Rolle ist vollgeschrieben - mit Klage, mit Ach und Weh. Also mit Dingen, die wir oft nicht hören wollen: Unerfüllte Wünsche. Leid. Schwierigkeiten. Unbequeme Wahrheiten. All das, was nicht glatt und tröstlich ist.
Auch im Alltag kennen wir das: Wir nehmen gern das auf, was uns bestätigt, was uns recht gibt, was uns beruhigt, aber wir hören nur ungern das, was uns infrage stellt, was uns herausfordert, was uns Verantwortung zumutet. Um uns dem zu stellen, brauchen wir Ermutigung Gottes.
Wie soll Gott zu uns sprechen? Als jemand, der uns beruhigt, uns recht gibt, uns bestätigt?
Oder das andere Extrem - als jemand, der uns straft und beschuldigt?
Vielleicht haben Menschen deshalb so oft das Gefühl, dass Gott schweigt, weil ihre Vorstellungen von Gott zu eng sind und meistens in den Extremen landen. Gott in der realen Welt zu suchen, scheint oft zu langweilig und unwahrscheinlich.
Hesekiel soll die eigene Realität in Anwesenheit Gottes an sich heranlassen und die Schriftrolle essen, weil genau diese Realität ihn auf seinen Auftrag vorbereitet.
Es ist ein Bild für echtes Hören, für ein Aufnehmen, ohne vorher alles nach eigenen Vorstellungen auszusortieren.
Und dann geschieht das Unerwartete: Die Schriftrolle schmeckt süß wie Honig. Ich denke, nicht, weil das Leid süß wäre, sondern, weil Wahrheit und die innere aufrichtige Haltung befreiend und nährend sind.
Vielleicht schmeckt die Schriftrolle deshalb süß, weil nichts mehr verdrängt werden muss und dadurch Gottes Anwesenheit spürbar wird, weil Ehrlichkeit frei macht. Die Realität und diese unvollkommene Welt ist der einzige Ort, an dem Gott uns begegnet.
Am heutigen Sonntag ist das Thema HÖREN besonders wichtig: Gottes Begegnung beginnt mit Hören. Mit der Bereitschaft das zu hören, was nicht unsere eigenen Gedanken sind. Es beginnt nicht mit dem Hören von dessen, was wir ohnehin hören wollen oder schon wissen.
Gottes Begegnung beginnt dort, wo wir still werden und uns von Gott auch das sagen lassen, was unbequem ist, ohne dabei unsere Würde zu verlieren. Wir müssen aufstehen, wenn wir Gott begegnen wollen, wir müssen nicht auf dem Boden liegen und kraftlos sein. Wir brauchen Kraft für seinen Auftrag.
Und wenn wir so, umgeben von der Anwesenheit Gottes, reden, leben, arbeiten, dann werden wir glaubwürdig - in erster Linie für uns selbst und unabhängig von Zustimmung oder Ablehnung anderer. Dann haben wir gelernt auch unsere eigene Stimme zu hören. Gott finden wir immer zusammen mit uns selbst.
Gottes Nähe macht Hesekiel für die Aufgaben des Propheten stark, ebenso wie uns heute als Mitarbeitende und Leitende, Omas und Opas, Väter und Mütter, Freundinnen und Freunde, Christinnen und Christen im 21. Jahrhundert. Doch sie ist immer herausfordernd. Gottes Nähe ist der Anfang unseres wahren Lebens.
Wenn wir unsere Lebensrealität nicht ablehnen, sondern im Vertrauen auf Gott annehmen, dann reden wir vom Leben im Angesicht Gottes, von erfahrener Gottesnähe.
Für dieses Leben brauchen wir Vertrauen und Mut zuzuhören und aufzustehen. Übrigens, nicht nur einmal im Leben, sondern tagtäglich.
Gottes Wort spricht zu uns jeden Tag und fängt immer mit einer einfachen Aufforderung an: „Steh auf!“ Wenn wir ihr folgen, dann hören und leben wir.
Amen.