Predigt am 2. Sonntag nach Christfest - 4.1.2026
Predigt über Jesus als Sohn Gottes, Besuche zu Weihnachten, Zugehörigkeit, Verantwortung und den Glauben zu Text aus dem Buch des Propheten Jesaja 61, 1-3, 10.11
Jes 61, 1-3, 10.11
1Der Geist Gottes des Herrn ist auf mir, weil der Herr mich gesalbt hat. Er hat mich gesandt, den Elenden gute Botschaft zu bringen, die zerbrochenen Herzen zu verbinden, zu verkündigen den Gefangenen die Freiheit, den Gebundenen, dass sie frei und ledig sein sollen; 2zu verkündigen ein gnädiges Jahr des Herrn und einen Tag der Rache unsres Gottes, zu trösten alle Trauernden, 3zu schaffen den Trauernden zu Zion, dass ihnen Schmuck statt Asche, Freudenöl statt Trauer, schöne Kleider statt eines betrübten Geistes gegeben werden, dass sie genannt werden »Bäume der Gerechtigkeit«, »Pflanzung des Herrn«, ihm zum Preise.
10Ich freue mich im Herrn, und meine Seele ist fröhlich in meinem Gott; denn er hat mir die Kleider des Heils angezogen und mich mit dem Mantel der Gerechtigkeit gekleidet, wie einen Bräutigam mit priesterlichem Kopfschmuck geziert und wie eine Braut, die in ihrem Geschmeide prangt. 11Denn gleichwie Gewächs aus der Erde wächst und Same im Garten aufgeht, so lässt Gott der Herr Gerechtigkeit aufgehen und Ruhm vor allen Völkern.
Liebe Gemeinde,
die Weihnachtszeit liegt hinter uns – Tage, die für viele von uns von Besuchen und vom Besuchtwerden geprägt waren. Oft sind Kinder und Enkelkinder gekommen, mit roten Wangen von der Kälte, mit vollen Taschen und noch volleren Herzen. Manche von uns haben lange auf diesen Moment gewartet, haben vorbereitet, gekocht, gebacken und das gute Geschirr aus dem Kasten herausgeholt. Und dann war das Haus wieder einmal voller Stimmen, voller Lachen, vielleicht auch voller Erinnerungen.
Andere Besuche waren stiller. Ein kurzer Anruf vorher: „Darf ich kurz vorbeikommen?“ Ein Nachbar, eine Freundin, jemand aus der Familie, der einfach nicht allein sein wollte – oder der gespürt hat, dass auch wir jemanden brauchen. Und vielleicht gab es auch bei manchen von uns das Gegenteil: die Sehnsucht nach einem Besuch, der ausgeblieben ist, der Platz am Tisch, der leer geblieben ist.
Besuche verändern etwas. Wenn jemand kommt, wird es anders im Haus – und oft auch im Herzen. Man rückt zusammen, hört einander zu, erzählt alte Geschichten, manchmal immer wieder dieselben. Und die Weihnachtsgeschichte - von einem Gott, der sich auf den Weg macht, der uns besucht, mitten in unserem Alltag und der bei uns wohnen will.
Vielleicht haben wir in diesen Tagen etwas davon neu gespürt: Wie kostbar es ist, besucht zu werden. Und wie viel Segen darin liegt, selbst auf Besuch zu gehen.
Manchmal haben wir in diesen Tagen auch gespürt, dass unsere Gastfreundschaft auf den Prüfstand gestellt wird. Wir haben wahrgenommen: Nicht jeder Gast steht uns gleich nahe. Und nicht zu jedem Menschen sagen wir von ganzem Herzen: „Fühl dich wie zuhause.“
Und vielleicht haben wir es auch umgekehrt erlebt: Dass wir selbst nicht in jedem Haus dieses Gefühl hatten – wirklich willkommen zu sein. Dass man zwar eingeladen war, aber doch eher Gast geblieben ist. Vorsichtig, darauf bedacht, ja nichts falsch zu machen, niemandem zur Last zu fallen.
Was bedeutet es, wirklich willkommen zu sein? Den ganzen Advent hindurch haben wir gesungen: „Wie soll ich dich empfangen?“ Eine große Frage. Haben wir in der Weihnachtszeit vielleicht eine Antwort darauf gefunden – in den Begegnungen von Mensch zu Mensch und in der Begegnung zwischen Gott und uns?
In manchen Kulturen, etwa in Indien, gilt echte Gastfreundschaft dann als gelungen, wenn sich der Gast so fühlen darf, als wäre er ein Mitglied der Familie. Nicht nur höflich bewirtet, sondern wirklich dazugehörig.
Vielleicht dürfen wir dieses Bild auch auf unsere eigenen Beziehungen anwenden. In welchem Haus fühlen wir uns wie Söhne und Töchter, wie Väter und Mütter – als Menschen, die ganz dazugehören? Und in welchen Häusern bleiben wir nur Gäste, die auf die Uhr schauen, die sich bemühen, keine zusätzlichen Sorgen zu machen?
Im Idealfall, so scheint mir, fühlt man sich wie einTeil der Familie. Und das bedeutet beides: Vorteile und Verantwortung. Wer nur die Vorteile sucht, ohne Verantwortung zu übernehmen, hat den Sinn menschlicher Begegnung nicht ganz verstanden. Dann bleiben von den Weihnachtsbesuchen vielleicht ein voller Magen und schöne Bilder, aber nicht unbedingt tiefe Erfüllung.
Für eine echte Begegnung braucht man das Ganze: Offenheit, Zugehörigkeit und die Bereitschaft den anderen wirklich zu sehen, zu hören und anzunehmen.
Jesus ist auf diese Welt gekommen als einer, der ganz zu den Menschen und ganz zu Gott gehört und sich ihnen hinwendet. Sohn Gottes. Sohn von Maria und Josef. Sohn einer jungen Frau. Sohn des Ewigen. In Jesus ist die Grenze zwischen Mensch und Gott durchlässig geworden – etwas Unvorstellbares, etwas Einmaliges in der Religionsgeschichte der Menschheit.
Als Christinnen und Christen stehen wir in dieser einmaligen Tradition und müssen uns jeden Tag verantwortungsvoll entscheiden: Wie leben wir als Töchter und Söhne, als Mütter und Väter Gottes in dieser Welt?
Leben wir im Haus Gottes – und damit meine ich diese Welt als Ganzes – als jene, die nur alle Vorteile nutzen und Erfolge sammeln? Oder sehen wir auch unsere Verantwortung für diese Welt?
Nach langer Zeit war ich vorgestern wieder einmal in Wien, in einem großen Einkaufszentrum. Die vielen Menschen, die ich dort gesehen habe, ließen mich mit einem gewissen Humor feststellen, dass ich mich ehrlich freue, einmal all jene Menschen zu sehen, denen ich sonst nicht in der Kirche begegne. Die noch strahlende Weihnachtsstimmung umhüllte das riesige Einkaufsgelände. Alles wirkte schön und glänzend. Als gäbe es eine Welt, in der niemand eine Krebsdiagnose bekommt, niemand trauert, niemand verliert, leidet, stirbt, friert, dürstet oder hungert. Eigentlich schön – und auch wahr. Die Freude am Leben soll sein!
Auch Jesus hat gegessen und gefeiert und das Leben in vollen Zügen genossen. Er hat die Fülle und den Reichtum dieser Welt den Menschen gezeigt und selbst erfahren. Ich kann mir gut vorstellen, dass er heute durch ein solches Einkaufszentrum gehen würde: dass er die schönen Kleidungsstücke wertschätzend betrachten würde – als Ausdruck der Arbeit, der Ästhetik und der Kreativität der Menschen –, sie anprobieren und kaufen würde; dass er die leckeren Speisen genießen würde und die Gesellschaften an den Tischen mit schönen Geschichten und weisen Worten unterhalten würde. Und auf manchen Tischen stünde dann statt Wasser auch Wein.
Doch gleichzeitig würde er die Menschen an diese Tische dazuholen, die bei der Produktion dieser Dinge krank geworden sind, die in Armut leben; die Kinder, die einige dieser Kleidungsstücke genäht haben; und die Trauernden, die ihre Angehörigen in der schweren Arbeit für diese Fülle verloren haben. Nicht, um zu erschrecken. Nicht als Vorwurf an die Feiernden und Genießenden. Sondern als Möglichkeit, damit die Feiernden und Genießenden ihr Glück, ihre Vorteile, ihre Privilegien wahrnehmen können. Damit sie Dankbarkeit spüren. Damit sie das Gesamtbild der Welt nicht aus den Augen verlieren. Damit sie persönlich jemandem Danke sagen können. Damit sie nicht nur unbeteiligte Gäste bleiben, sondern echte Mitglieder der Familie Mensch werden und die Verantwortung für die Missstände teilen.
Die christliche Spiritualität scheitert heute meistens nicht daran, dass wir unsere Zugehörigkeit zu Gott nicht spüren würden. Unsere christliche Spiritualität in der westlichen Welt scheitert daran, dass wir keine Zugehörigkeit zur Familie Mensch leben. Wir sind Gäste, die gerne die servierte Mahlzeit des Gastgebers rasch aufessen, einen Vorteil daraus für uns ziehen, aber sonst nichts von ihm wissen wollen. Wir haben Angst vor den Schmerzensgeschichten des Gastgebers. Wir haben Angst vor den Tränen des anderen und vor dem wahren Gesicht des anderen. Wir haben Angst vor unserem eigenen wahren Gesicht – vor unserer Ohnmacht, vor unseren Fehlern und unserem Scheitern. Wir wollen unsere Erfolge feiern, und im Endeffekt sterben wir oft am Überfluss – geistig oder körperlich.
Jesus als Sohn Gottes hat die Zugehörigkeit zur Familie Mensch und die Zugehörigkeit zu Gott gelebt. Und was das bedeutet, haben wir im Glaubensbekenntnis gebetet und im Predigttext gelesen. Und was das für uns konkret bedeutet, spüren wir, sobald wir nicht nur unsere Erfolge, sondern auch unsere Niederlagen und Fehler ohne Stress, sondern mit tiefer Annahme im Blick behalten. Übrigens: In der heutigen Lesung begegnen wir Jesus als einem Teenager, der seinen Eltern ziemlich große Sorgen macht. Wer selbst die Pubertät der eigenen Kinder turbulent miterlebt hat, hat keine große Schwierigkeit, sich mit den Erfahrungen von Josef und Maria zu identifizieren.
Das Christentum in Europa scheitert nicht am fehlenden Glauben an den Sohn Gottes. Die meisten Menschen, die nicht in die Kirche gehen, glauben weiterhin an den kulturell internalisierten christlichen Gott, und die meisten sind auch dankbar für ihr schönes Leben. Sie kennen die christlichen Inhalte oft wenig, doch sie feiern Weihnachten und pflegen ihren Glauben mit angenehmen, wohltuenden Elementen aus unterschiedlichsten Religionen. Der Glaube und die Religionen verschwinden nicht aus dem Leben der Menschen.
Der Glaube in Europa scheitert an der Weigerung, die wirkliche Zugehörigkeit zur Familie Mensch wahrzunehmen. Er scheitert am fehlenden Wunsch, für andere im Leben und im Gottesdienst da zu sein, für andere zu beten, andere als zur Familie gehörig aufzunehmen. Er scheitert am Wunsch, nur die Fülle der Welt zu genießen und den Schmerz oder das Unangenehme nicht wahrnehmen zu müssen. Er scheitert an der gelungenen Auslagerung des Schmerzes auf andere.
Lebendige christliche Spiritualität beginnt nicht damit, den Sohn Gottes nur für sich selbst zu haben und sich als distanzierten Gast auf Erden zu fühlen, sondern mit dem tiefen Empfinden, zur Familie Mensch und zu dieser Welt ganz dazuzugehören. Und vergessen wir nie: Jesus war ziemlich dunkelhäutig und ähnelte stark jenen Menschen, die der durchschnittliche Europäer heute „Asylanten“ nennt. Zur Zeit der Geburt Jesu lebten die Menschen gemeinsam mit Tieren, die wir heute „Fleischproduktion“ oder „unnötige Last“ nennen – und vor denen wir oft Angst haben.
Lebendige christliche Spiritualität beginnt mit dem Aufhören, Erfolgen nachzujagen – bei Männern und manchmal auch bei Frauen –, und mit der Fähigkeit zu echter Fürsorge und zu Mitgefühl. Sie beginnt mit der Superkraft, manchmal nichts zu sagen, zu schweigen, die eigenen Grenzen wahrzunehmen und sehen und hören zu lernen. Das sind Verhaltensweisen ohne sichtbare, vorzeigbare Erfolgserlebnisse – und doch sind sie in Wahrheit der größte Sinn und der größte Erfolg menschlichen Lebens.
Das ist das Leben mit dem Sohn Gottes in dieser Welt. Das ist eine Spiritualität, die mitreißt, wenn man sich auf sie einlässt. Ein Leben, in dem die Durchlässigkeit zwischen Gott und Mensch auch in unserem Leben Wirklichkeit wird. Ein Leben, in dem wir bei uns selbst bleiben und uns selbst – und nur uns selbst – Hinweise geben für richtig oder falsch. Aus Respekt davor, dass wir als Gäste auf dieser Welt zur Familie gehören dürfen und zusammen mit anderen die volle Verantwortung tragen.
Als Christinnen und Christen gehören auch wir zur Familie Mensch und zu Gott zugleich. Durch die unendliche Gastfreundlichkeit Gottes sind wird das:
Söhne und Töchter, Mütter und Väter.
Gottes Söhne und Töchter, Gottes Mütter und Väter.
Das sind wir.
Wir tragen eine Verantwortung, die dem Leben Sinn gibt und erfüllt.
Amen.