Predigt am 1. Sonntag nach Ostern
26Hebt eure Augen in die Höhe und seht! Wer hat all dies geschaffen? Er führt ihr Heer vollzählig heraus und ruft sie alle mit Namen; seine Macht und starke Kraft ist so groß, dass nicht eins von ihnen fehlt.
27Warum sprichst du denn, Jakob, und du, Israel, sagst: »Mein Weg ist dem Herrn verborgen, und mein Recht geht an meinem Gott vorüber«? 28Weißt du nicht? Hast du nicht gehört? Der Herr, der ewige Gott, der die Enden der Erde geschaffen hat, wird nicht müde noch matt, sein Verstand ist unausforschlich. 29Er gibt dem Müden Kraft und Stärke genug dem Unvermögenden. 30Jünglinge werden müde und matt, und Männer straucheln und fallen; 31aber die auf den Herrn harren, kriegen neue Kraft, dass sie auffahren mit Flügeln wie Adler, dass sie laufen und nicht matt werden, dass sie wandeln und nicht müde werden.
Liebe Gemeinde,
stellen Sie sich vor: Ein Segelboot liegt still auf dem Wasser. Eigentlich war es geplant, heute loszulegen. Aber - eine Windstille, wie noch nie. Als wäre sie eigens da, um die Geduld herauszufordern.
Windstille. Das Wasser bewegt sich kaum spürbar.
Das Boot hebt und senkt sich nur leicht, als würde es ganz ruhig atmen. Die Segel hängen locker herab, sie rascheln nicht einmal. Keine Bewegung - außer dem Atmen des Wassers.
Alles wäre bereit - die Leinen gespannt, alles gesichert, die Aufgaben verteilt ... und doch geschieht nichts.
Die Oberfläche des Wassers ist glatt, fast spiegelnd. Darin zeichnen sich Himmel und Mast, Linien und Licht. Die Wasseroberfläche ist übersät mit tanzenden Sonnenfunken. Es ist, als hielte die Welt für einen Moment inne.
Die Segelcrew wartet. Aufmerksam. Es ist ein Tun - das Warten. Ein merkwürdiger Zustand - dieses Warten.
Die Blicke gehen über den Horizont, suchen nach den kleinsten Zeichen: ein Zittern auf dem Wasser, ein leises Kräuseln, ein fernes Flattern. Das Warten spürt man auf der Haut, im Gesicht. Die Geduld bestätigt das Wissen, dass manches sich nicht erzwingen lässt.
Ist das eine verlorene Zeit? Dieses Warten, dieses Bereitsein für etwas, das kommen sollte, aber ohne Garantie. Doch früher oder später - da kommt der Wind gewiss. Es ist, wie ein Wissen, der der aktuellen Erfahrung heftig widerspricht.
Ist dieses gespannte Warten wirklich sinnvoller als Liegen auf dem Sofa es wäre?
Vielleicht entscheidet sich das erst im nächsten Augenblick: Zuerst kaum wahrnehmbar - doch dann kommt Bewegung. Ein Hauch, wie ein langes Ausatmen über dem Wasser. Noch ein wenig warten.
Dann füllen sich langsam die Segel, die Kraft wächst, das Boot ist bereit, sich zu bewegen. Die Vorbereitung auf das Ablegen war nicht umsonst. Das Ablegen, das Lösen aus dem Stillstand, ist schon da.
Das Warten war nicht leer. Doch das spürt die Crew erst jetzt. Die Wartezeit war der Anfang der Bewegung.
Vielleicht ist das Warten auf Gottes Heilung, auf die offensichtliche Wirkung der Auferstehung in dieser Welt ähnlich.
Jesaja spricht zu Menschen, die müde geworden sind. Auch Petrus spricht zu Menschen, die traurig sind. Doch weder der eine noch der andere Text ist nur Trost für die Traurigen und Müden. Vielleicht auch deshalb, weil beide in trostlosen Situationen eine lebendige Hoffnung hineinrufen.
Die Texte reden nicht von dem Trost, der durch die Hoffnung auf Erleichterung den Schmerz - bei Kraftlosigkeit, Krankheit, Erschütterung oder Verzweiflung - nur etwas erträglicher macht.
Wir reden von einer radikalen Veränderung in trostlosen Situationen, von der Heilung. Von einer Bewegung, die den Stillstand, die Trostlosigkeit des Leidens ablöst.
Es ist die Kraft des Auferstandenen, die dann sichtbar wird. Dafür haben wir keine Garantie, aber sie wird sichtbar.
Auch wenn keine spürbaren Verbesserungen da sind, diese Kraft ist da: die Kraft des Auferstandenen, von der Petrus spricht, und die Kraft des Schöpfers und Erlösers im Buch Jesaja.
Unbegreifbar, unausforschlich - und doch mitten im realen, konkreten Leben jedes einzelnen Menschen und der ganzen Welt.
Die Worte unseres Predigttextes aus dem Buch des Propheten Jesaja stammen vom sogenannten Deuterojesaja. Er ist der zweite Autor des Jesajabuches und hat die Kapitel 40-55 verfasst. Insgesamt geht die Forschung von drei Autoren aus. Die letzten Kapitel stammen vom Tritojesaja.
Der zweite Jesaja, von dem unser heutiger Predigttext stammt, schrieb aus dem babylonischen Exil. Obwohl er sich in einer trostlosen Situation befand, lebte in ihm die Kraft Gottes, die ihn glauben ließ. Aus seinem Glauben heraus stärkte er andere. Er rief die Kraft Gottes in diese Welt hinein.
In mehreren Kapiteln spricht er von der Pflicht Gottes, die Menschen aus ihrem Leid zu lösen. Diese Vorstellung stammt aus dem damaligen Familienrecht, in dem Angehörige einer Sippe ihre Mitglieder aus der Schuldsklaverei loskaufen mussten.
Aus dieser Vorstellung heraus wird die Heilung, die Loslösung des Menschen, zur Pflicht Gottes - zu einem Gesetz, dem Gott selbst treu ist.
Das ist nicht begreifbar. Das kann man nur glauben.
Deuterojesaja spricht nicht aus eigener Erfahrung, sondern aus der Kraft des Schöpfers und des Erlösers. Heilung ist immer etwas, das außerhalb unserer bisherigen Erfahrung liegt - jenseits unserer Machbarkeit und auch jenseits unserer Begriffe.
Der Glaube eröffnet die Dimension der Heilung: die Heilung des Menschen und die Heilung dieser Welt.
Sie beginnt dort, wo die Trostlosigkeit ist. Das bedeutet: Heilung setzt die Anerkennung der Trostlosigkeit voraus.
Wie die Auferstehung nur nach dem wirklichen Tod möglich ist, wie Bewegung aus dem Stillstand entsteht, so wird Heilung in dieser Welt möglich - durch den Verzicht auf leichtfertigen Trost und durch eine lebendige, bewusste Hoffnung auf Gott.
Sie kommt, wenn der Wind das Boot in Bewegung setzt.
Sie kommt - ohne Sicherheit, ohne Garantien.
Sie kommt zu denen, die bereit sind, die hoffen und gegen die Müdigkeit kämpfen.
Sie kommt.
Und manchmal müssen wir darum beten, dass die Müdigkeit nicht zu stark wird - die Müdigkeit des Glaubens, die Müdigkeit der Hoffnung.
Als Christinnen und Christen sind wir diejenigen, die den Glauben nicht nur für sich selbst, sondern auch für andere in dieser Welt aufrechterhalten. Mit unserem kleinen Gebet, mit unseren begrenzten Kräften - und manchmal sogar mit unserer eigenen Kraftlosigkeit.
Doch die Kraft kommt von dem Auferstandenen, den wir kennen, an dem wir festhalten. Und aus ihr wächst die Hoffnung, die ihren Ursprung nur in Gott hat.
Amen.