Osterpredigt 2026
1.Kor 15, 19-28
19Hoffen wir allein in diesem Leben auf Christus, so sind wir die elendesten unter allen Menschen.
Christus ist auferweckt
20Nun aber ist Christus auferweckt von den Toten als Erstling unter denen, die entschlafen sind. 21Denn da durch einen Menschen der Tod gekommen ist, so kommt auch durch einen Menschen die Auferstehung der Toten. 22Denn wie in Adam alle sterben, so werden in Christus alle lebendig gemacht werden. 23Ein jeder aber in der für ihn bestimmten Ordnung: als Erstling Christus; danach die Christus angehören, wenn er kommen wird; 24danach das Ende, wenn er das Reich Gott, dem Vater, übergeben wird, nachdem er vernichtet hat alle Herrschaft und alle Macht und Gewalt.
25Denn er muss herrschen, bis Gott »alle Feinde unter seine Füße gelegt hat« Ps 110,1. 26Der letzte Feind, der vernichtet wird, ist der Tod. 27Denn »alles hat er unter seine Füße getan« Ps 8,7. Wenn es aber heißt, alles sei ihm unterworfen, so ist offenbar, dass der ausgenommen ist, der ihm alles unterworfen hat. 28Wenn aber alles ihm untertan sein wird, dann wird auch der Sohn selbst untertan sein dem, der ihm alles unterworfen hat, auf dass Gott sei alles in allem.
Liebe Gemeinde,
Die meisten Wunden heilen nicht in drei Tagen. Das wissen die Menschen aus eigener Erfahrung. Eine Verletzung, ein Verlust, ein tiefer Einschnitt – das alles braucht Zeit. Manches begleitet einen ein Leben lang. Die Bibel aber sagt: In diesen drei Tagen zwischen Karfreitag und Ostern geschieht durch Christus etwas wesentlich mehr als nur die Heilung der Wunden: Der Tod selbst wird vernichtet.
Können wir das glauben? Vielleicht vielen geht es so: Man denkt an all die Beispiele aus dem Leben, die zeigen, dass Menschen in schwierigsten Situationen neuen Lebensmut und neue Kraft gewonnen haben. Ich denke an eine Frau namens Simone, die ich nur flüchtig kenne. In ihren jungen Jahren war sie Zirkusartistin. Ihr Leben spielte sich in der Luft ab. Sie kannte keine Angst vor Höhe, vertraute ihrem Körper, ihrer Kraft und Präzision. Sie genoss jeden Auftritt und freute sich über mögliche Fortschritte in ihrer Karriere.
Doch einmal passierte ein Fehler und der Partner beim Sprung ergriff ihre Hand nicht. Sie stürzte. Mit eigenen Kräften konnte sie nicht mehr aufstehen. Rettung. Krankenhaus. Diagnose: Querschnittslähmung. Die Ärzte sagten klar die offensichtliche Wahrheit: Sie wird nie wieder gehen können.
So begann eine andere Art von Leben. Es war wie Tod. Tage, die sich ziehen. Ein Körper, der nicht mehr reagiert, wie er soll. Schmerzhafte Erinnerungen und Verzweiflung. Aber, aus wo auch immer, wuchs in dieser Frau eine Lebenskraft, obwohl es keine rationale Hoffnung gab.
Die Lebenskraft war der Gedanke: Ich gebe mich nicht auf und ich vertraue, dass auch Gott mich nicht aufgibt.
Sie begann zu trainieren. Erst minimal. Ein Muskel, der kaum reagierte. Eine Bewegung, die nur gedacht wurde. Stunden, Tage, Monate. Vieles fühlte sich sinnlos an. Es gab Rückschläge, Tage, an denen nichts ging, Schmerzen und brennende Ohnmacht.
Und doch sie gab nicht auf. „Stur! Sinnlos!“ – sagten manche.
Langsam veränderte sich etwas. Der Körper antwortete. Zögerlich, aber er antwortete. Ein bisschen Spannung, ein bisschen Kontrolle. Und irgendwann Körperteile, die ohne Leben schienen, begannen etwas zu empfinden.
Es war kein Wunder, keine plötzliche Heilung. Es war ein sehr langer Weg der faszinierenden Lebenskraft. Es war mühsam und anstrengend.
Und als sie langsam anfing aufzustehen und wieder zu gehen – war es kaum zu glauben. Auch nacherzählt, verursacht es Skepsis.
Ja, vielleicht war die wissenschaftliche Diagnose damals fehlerhaft.
Vielleicht passierte ein Wunder.
Schwer zu sagen.
Aber Simone fing an wieder zu gehen und auch Sport zu treiben. Auf die Bühne kehrte sie nicht mehr zurück, sondern mit ihrem Mann und ihrer Tochter, die sie nur einige Jahre nach der Genesung gebar, verbreitete sie ihre Methode der Lebenskraft und ermutigte viele Menschen nach Wirbelsäulenverletzungen das Leben nicht aufzugeben.
Ein beeindruckendes Beispiel dafür, wie innerhalb des Lebens der Tod überwunden werden kann.
Ganz sicher kennen wir dieses Gefühl auch aus dem eigenen Leben. Manchmal wundern wir uns sogar über die Kraft, die durch den Glauben, in unserem Alltag spürbar wird und wie aus dem Schlechten Gutes wird.
Doch eindeutig geht der heutige Predigttext über diese Erfahrungen hinaus. Apostel Paulus leitet die Auferstehung nach dem Tod für uns Menschen von der Auferstehung Christi ab.
Was denken die meisten Menschen, wenn sie „Auferstehung der Toten“ im Glaubensbekenntnis sagen? Wie stellen sie sich das vor? Besonders, wenn das Vorbild der christlichen Auferstehung kein geistlich-spirituelles Geschehen ist, sondern berührbarer und greifbarer Jesus, der Auferstandene!
Können wir unsere Auferstehungshoffnung nur auf die erfolgreichen Momente des Lebens reduzieren und der für viele heute peinlichen Frage: „Glaubst du wirklich an die Auferstehung?“ so ausweichen?
Besonders, wenn wir beachten, dass im Unterschied zu den Zeiten Friedrichs Schleiermachers im 19. Jahrhundert, in dem nur die „Gebildeten unter den Verächtern“ die Religion für überholt und irrational hielten, heute eine überwiegende Mehrheit in Europa höchstens etwas mit dem Kulturchristentum anfangen kann.
Was tun wir nun mit unserem Glauben zu Ostern?
Zu Weihnachten, dem anderen großen Fest der Christen, fühlen sich viele angesprochen. Bescherung, das Bild des Neugeborenen in der Krippe, Wärme, Licht, Gemütlichkeit und großartiges Festessen. Die Familien kommen zusammen und die Heilige Familie wärmt unsere Herzen. Es führt zwar auch zu manchen emotionalen Krisen, aber sie sind eingebettet in das Leben hier und jetzt. So kommen zu Weihnachten wesentlich mehr Menschen zum Gottesdienst als zu Ostern. Forschungen zeigen, dass Altersgruppen, die an einem Ostergottesdienst interessiert sind, sind vorwiegend Menschen im Alter über 70 und zwischen 14-29 Jahren. Am wenigstens angesprochen fühlen sich die Menschen zwischen 40 und 60.
Die Voraussetzung für das Feiern von Ostern ist der Glaube an die Auferstehung, die durch alle Erfahrungen der Auferstehung innerhalb des Lebens auf die größere, für uns unbegreifbare Auferstehung hindeutet.
Wir nähern uns der Auferstehung aufgrund unserer Erfahrung, dass das Leben immer stärker als der Tod ist. Doch der reale Tod ist und bleibt eine Realität, die mit menschlichen Erfolgsstrategien nicht zu überwinden ist.
Und doch glauben viele Menschen nicht mehr an die Auferstehung.
Durch die Säkularisierung werden den Menschen statt Auseinandersetzung mit der Realität des Todes schnelle und leichte Ersatzlösungen angeboten: Gegen Angst helfen Medikamente, gegen Gedanken über Tod und Jenseits hilft Therapie. Jedenfalls – die großen Fragen der Menschheit sind funktional ersetzt mit leichten, schnellen und vermutlich wirksamen Lösungen.
Ebenso ist die Frage nach dem Jenseits kulturell relativ geworden. Es gibt keine EINE Antwort. In oberflächlichen Begegnungen unterschiedlicher Kulturen werden Unterschiede in der Auffassung des Jenseits konstatiert und dadurch eine beliebige, eigene, meistens oberflächliche Auffassung als ebenso plausibel erklärt. In der Tat fehlt zwar dafür das tiefere Wissen, aber das wird leider leicht übersehen.
Näher betrachtet ist es klar, dass die konkreten Inhalte sich zwar unterscheiden, aber alle Weltreligionen haben Vorstellungen vom Jenseits und sehen den Tod als Übergang. In dem, dass es zwischen dem Leben diesseits und jenseits gewisse Zusammenhänge gibt, sind sich alle Weltreligionen einig. Die Konsequenz der Säkularisierung ist aber, dass von solchen biblischen und für die Reformation wichtigen Begriffen wie das Jüngste Gericht die meisten Schüler im Religionsunterricht das erste Mal im Leben hören.
Die Frage nach Jenseits ist auch optional geworden. Ein Gemeindemitglied nach seinem Austritt erklärte mir: „Glaube ist absolut unnötig und ich muss sparen. Und sehen Sie: ich bin ausgetreten aus der Kirche und es ist nichts passiert!“ Warum dieser Mann beim Handgeben mir inzwischen nicht in die Augen schauen kann, bleibt für mich ein Rätsel.
Dass die Menschen heute wesentlich klüger sind und alles besser verstehen als alle Generationen vor uns, ist zu bezweifeln.
Deshalb halten wir im Glauben an die Auferstehung Jesu fest. Wir vertrauen dem Wort Gottes, das sagt, dass der reale Tod durch Jesus besiegt ist. Wir vertrauen, dass Jesus auferstanden ist und dass wir in unserem Tod auf Gott vertrauen dürfen. Wir vertrauen, dass auch der Tod, der uns auf unterschiedliche Weise – als Tod unserer Lieben oder als unser eigener Tod - schmerzlich betrifft, durch Jesus der entscheidende Schritt zum Leben ist.
Amen.