Predigt am Sonntag des Guten Hirten
Predigt von Pfarrerin Dace Di
1. Petrus 2, 21-25
21Denn dazu seid ihr berufen, da auch Christus gelitten hat für euch und euch ein Vorbild hinterlassen, dass ihr sollt nachfolgen seinen Fußstapfen; 22er, der keine Sünde getan hat und in dessen Mund sich kein Betrug fand; 23der, als er geschmäht wurde, die Schmähung nicht erwiderte, nicht drohte, als er litt, es aber dem anheimstellte, der gerecht richtet; 24der unsre Sünden selbst hinaufgetragen hat an seinem Leibe auf das Holz, damit wir, den Sünden abgestorben, der Gerechtigkeit leben. Durch seine Wunden seid ihr heil geworden. 25Denn ihr wart wie irrende Schafe; aber ihr seid nun umgekehrt zu dem Hirten und Bischof eurer Seelen.
Liebe Gemeinde,
die Welt um uns ist sehr laut. Unsere Aufmerksamkeit ist das, was diese Welt von uns will. Die laute, fordernde Stimme des Marktes durch Werbung lässt uns denken, dass wir nur durch das wertvoll sind, was wir besitzen. Die vielversprechende Stimme der Sicherheit verspricht uns, dass wir alles unter Kontrolle haben können, wenn wir uns nur richtig verhalten. Die Stimme der Mehrheit lädt uns ein, dazuzugehören und dafür auf unsere Einzigartigkeit zu verzichten. Ohne Ecken und Kanten sind wir bequemer und passen besser in die vorgegebenen Formen der anderen hinein.
Welcher Stimme soll ich folgen? Welche Versprechung kann mich wirklich zu echtem Lebensglück, echter Zufriedenheit und echtem Frieden führen? Welche Stimme ist würdig, dass ich ihr meine Aufmerksamkeit und mein Vertrauen schenke?
Der Verfasser des Petrusbriefes, der uns nicht wirklich bekannt ist, bietet Christus als glaubwürdiges Vorbild unseres Lebens an:
"der keine Sünde getan hat und in dessen Mund sich kein Betrug fand; der, als er geschmäht wurde, die Schmähung nicht erwiderte, nicht drohte, als er litt, es aber dem anheimstellte, der gerecht richtet."
Also - das sind die Richtlinien für die Nachfolge Christi.
Ich will nicht pessimistisch wirken, aber ich muss gestehen, dass mich diese Worte als Richtlinie für uns Christinnen und Christen schon beim Lesen erschöpfen. Diese unendlich hohe Anforderung lässt mich zutiefst verirrt fühlen. Welche Selbstüberschätzung muss ich haben, um zu glauben, dass ich ohne Sünde oder Fehler leben kann? Schaffe ich es wirklich, nicht wütend zu werden, wenn jemand mir gegenüber boshaft ist?
Was ist die Nachfolge, von der der Petrusbrief so überzeugend spricht, und verspricht sie uns als etwas Wichtigeres als Besitz, Gesundheit, Sicherheit und Zugehörigkeit?
Der Bibeltext spricht zu Christen, die ihre Identität durch die Existenz in der Fremde verstehen. Für die ersten Christen war die äußerlich vertraute Umwelt kein sicheres Zuhause. Sie waren angefeindet und missverstanden, weil ihr Glaube so anders war.
Vielleicht kennen wir dieses Gefühl der Fremdheit auch heute: Christsein in einer säkularisierten Welt, Verzicht auf Leitprinzipien der Leistungsgesellschaft. Was macht den Unterschied zwischen Außenseitern und den Berufenen, von dem der Verfasser des Petrusbriefes spricht?
Die Würde und das Lebensglück eines Menschen, so sagt uns dieser Brief, hängen nicht davon ab, wie sehr er in die Welt passt oder wie sehr er von anderen anerkannt wird.
Das sind Behauptungen, die auf den ersten Blick überhaupt nicht überzeugen. Wir mögen Likes, wir mögen Anerkennung, Zugehörigkeit, guten Ruf und Erfolg. Müssen wir wirklich auf all das verzichten, um Christen zu sein? Und was ist dann überhaupt Glück? Und was bedeutet der Glaube? Worauf lasse ich mich ein, wenn ich in Jesu Fußstapfen trete?
Die Nachfolge - ist das nicht ein wenig gefährlich? Sie erstarrt so oft zwischen den Gedanken über die Liebe Gottes und dem irdischen Schicksal Jesu. Sie erstickt zwischen der Sehnsucht nach Gottes Nähe und der Wut über erlebte Ungerechtigkeit, Leid oder Schicksalsschläge.
Vielleicht ist das Glück des Glaubens ein Geschenk, das wir nur annehmen, aber nicht selbst gestalten können. Vielleicht ist das Glück ein Mysterium, das sich allen rationalen Annäherungen vollständig entzieht.
Und dann stehen wir inmitten der verrückten, verlorenen, nicht nachvollziehbaren Welt und suchen nach einer Stimme, die nicht betrügt, die die Illusion der Unverwundbarkeit in heilsame, mutige, friedliche Verletzlichkeit verwandelt.
"Durch seine Wunden seid ihr geheilt!"
Ein wenig klingt es wie die Ansage eines Navis: "Sie haben Ihr Ziel erreicht!" Hier, jetzt, angekommen, am Ziel. Heute. Glücklich.
Es ist geschehen. Ihr habt schon alles, um glücklich zu sein. Durch Christus.
Die leiseste aller Stimmen. Und nicht wirklich von dieser Welt. Das bereits erreichte Ziel befindet sich irgendwo zwischen Erfolgen und Niederlagen, Freude und Schmerz, schönen, erfüllenden und leeren, mühsamen Tagen, zwischen ruhigen und schlaflosen Nächten, zwischen Wegen, die wir gerne gehen, und Wegen, die wir nicht gehen wollen. Glücklich - in all dem. Zugehörig zu Gott. Erstaunt von dem, dass das Glück ist.
Die Nachfolge geschieht, wenn der Mensch die Heilung zulässt, antwortet auf die Berufung Gottes. Es ist die Heilung durch die Wunden Gottes.
"Durch seine Wunden seid ihr geheilt!" befreit uns von der Angst, verletzlich zu sein. Diese Worte befreien uns von der Angst vor dem Leben und sie schützen uns vor dem Wunsch, den lautesten Stimmen dieser Welt zu folgen.
Es macht uns mutig für den Glauben, der uns in den sicheren Raum bei Gott als gutem Hirten behutsam führt. Gott kennt die Verwundbarkeit aus eigener Erfahrung. Deshalb ist er behutsam und seine Stimme ist leise. Dennoch gibt dieser Hirte der Seelen uns Kraft, in der Fremde das Ziel zu erreichen und in den Wunden Heilung zu finden.
Amen.