Predigt am Karfreitag 2026

2. Kor 5

19Denn Gott war in Christus und versöhnte die Welt mit ihm selber und rechnete ihnen ihre Sünden nicht zu und hat unter uns aufgerichtet das Wort von der Versöhnung.

20So sind wir nun Botschafter an Christi statt, denn Gott ermahnt durch uns; so bitten wir nun an Christi statt: Lasst euch versöhnen mit Gott! 21Denn er hat den, der von keiner Sünde wusste, für uns zur Sünde gemacht, auf dass wir in ihm die Gerechtigkeit würden, die vor Gott gilt.

 

Liebe Karfreitagsgemeinde,

 

heute denken wir an die Erfahrungen, die viele Menschen auf dieser Welt mit Jesus verbinden. Ohne Grund werden Menschen angegriffen, getötet, in den Krieg geschickt, beschuldigt, beschimpft und erniedrigt. Das sind Tatsachen, die nicht nur in den dunkelsten Tagen der Menschheit geschehen sind, das geschieht auch heute - überall auf dieser Welt.

Wenn wir die Karfreitagslesung hören, dann erscheinen vor unseren Augen gewaltvolle Bilder und Worte, die verletzen und töten. Es ist schwer hinzuschauen. Und doch spüren wir, wie erschreckend aktuell die Ereignisse am Kreuz sind.

 

Wir, als Evangelische in Österreich, haben einen besonderen Bezug zu Karfreitag.

Schreckliche und in der Tat überhaupt nicht begreifbare Ereignisse gehören zu der evangelischen Geschichte über Jahrhunderte und prägen die evangelische Identität.

1781 beendete das Toleranzpatent die staatlich organisierte Verfolgung der evangelischen Christen. Gleich nach der Erlassung des Toleranzpatents von Kaiser Josef II wurde Karfreitag als ein besonderer Feiertag den evangelischen Christinnen und Christen gewährt. Die Gewährung des Feiertags, auch wenn das damals kein Feiertag im heutigen Sinne war, war ein symbolischer Ausgleich für das durch die Gegenreformation erlittene Unrecht. So ist Karfreitag ein wichtiger Teil der Identität der österreichischen Evangelischen. Durch die erlittene Verfolgung und die Vertreibung identifizieren sich die Evangelischen auf eine besondere Weise mit dem Leid und Tod Christi.

 

Aber auch für Menschen, die keine derartigen Massentragödien erlebt haben, ist Karfreitag aus unterschiedlichen Gründen wichtig.

 

Vielleicht findet man irgendwo auf der Welt einen Menschen, der nie im Leben etwas Schweres erlebt hat. Vielleicht. Doch leider gehören schmerzhafte Erfahrungen oder sogar Gewalt, verletzende Worte und gedankenlose Ungerechtigkeit auch heute zum Leben der Menschen. Menschen erleben auch heute Mobbing, Verletzungen und Schmerz auch in Österreich, obwohl kein Krieg, Gott sei Dank, im Lande ist.

 

Wie ist das möglich? Was treibt die Menschheit, einander zu verletzen oder zu beschuldigen? Sind das nicht die Kriege, die in den Menschen DRINNEN geschehen? In der Seele jedes Einzelnen? Vielleicht sind das die verweigerten Selbstgespräche, die dann in der Außenwelt gegen andere Menschen geführt werden.

 

Egal auf welcher Seite ein Mensch ist - ist er der, der verletzt, oder ist er der, der die Schuld der anderen schmerzhaft sieht: Das Gefühl des Karfreitags hat einen wichtigen Platz im Leben jedes Menschen. Überall dort, wo Menschen mit ihrem eigenen Schmerz und schweren Gefühlen umgehen wollen, zeigt Karfreitag den Weg.

 

Dieser Tag ist deshalb so wichtig, weil die Menschen durch ihn lernen, mit ihrem Schmerz umzugehen. Christus ist ein Vorbild in diesem Sinne. Vorbild für Würde. Vorbild für Treue sich selbst und Gott gegenüber. Karfreitag ist die Reifeprüfung jedes Menschen und auch jeder Gesellschaft. Ihn auszuhalten bedeutet die erwachsene Wahrnehmung, dass Schmerz zum Leben gehört und dass die Menschen oft auch ungewollt auf die eine oder andere Seite gelangen - sie werden zu Tätern oder zu Opfern. Jesus hat gezeigt, dass das Leben im umfassenden Sinne bedeutet, aus diesen Rollen aussteigen zu können. Jesus am Kreuz ist weder Täter noch Opfer. Er beschuldigt auch keinen, weder die Kreuziger und ihre Mittäter, noch die Hilflosen, noch sich selbst, noch Gott.

 

Natürlich hat jeder Mensch einen ausgeprägten Wunsch, nie etwas Schweres und Unangenehmes zu erleben, doch wir wissen, dass sogar Kinder, um erwachsen zu werden, durch Krisen gehen müssen. Dann ist der Schmerz einfach da. Keiner ist daran schuld. Nicht nur Kinder, auch erwachsene Menschen wachsen durch Situationen, die sie herausfordern. So ist der Umgang mit Schmerz und Leid unausweichlich eine der zentralen Fragen der Menschheit. Wenn aber aus innerem Schmerz Gewalt entsteht, reden wir von Schuld.

Gott macht uns das in der Kreuzigung Jesu sichtbar und zeigt uns die Gratwanderung zwischen Schuld, Unschuld, Täter, Opfer. Er eröffnet eine neue Dimension.

 

Wer das Thema Schmerz verdrängt, der ist leicht dazu zu verleiten, den Krieg in unterschiedlichen Maßstäben nach außen zu führen. Der ist auf der Suche nach Opfern und Tätern. Wir sehen, wie leicht das derzeit auf der ganzen Welt geschieht - Kriege entfachen, der Ton der zwischenmenschlichen Kommunikation wird rauer, früher undenkbare Situationen werden zur Normalität. Vielleicht ist das das Leben in einer Welt ohne Karfreitag?

 

Der Botschaft des Karfreitags kann man nicht ausweichen. Sie fordert uns auf hinzuschauen und auszuhalten, dass es in dieser Welt und im Leben jedes Menschen Leid und Augenblicke gibt, die sich als Gottverlassenheit anfühlen.

 

Das sind die Momente der Ratlosigkeit. Das sind die Momente der Stille, die nur durch Gottes Tat und Wort unterbrochen werden können. Wir als Menschen haben darauf keine Antworten.

 

H: Deshalb ist Samstag der Tag der Stille, bis Gott seines tut.

 

G und W: Deshalb schweigt heute unsere Orgel. Als Zeichen der Ehrfurcht gegenüber dieser Stille. Der Stille, die nur Gott mit seiner Antwort unterbrechen kann. Als Zeichen der Bereitschaft, still zu werden vor Gott. Als Zeichen, dass wir Gott Platz geben genau dort, wo Schmerzhaftes, Unlösbares und Erschütterndes auf dieser Welt oder im menschlichen Leben passiert.

 

Wir kommen nicht mit unseren Ratschlägen, Meinungen und Lösungsangeboten. Wir werden still. Bis Gott seines tut.

 

Gesellschaftlich gesehen leben wir aber in einer Zeit ohne Karfreitag. Seit 2019 aufgrund eines Rechtsstreits eines vermutlich konfessionslosen Arbeitnehmers mit seinem Arbeitgeber und dessen rechtlich-politischen Konsequenzen ist dieser Tag kein Feiertag mehr für Evangelische in Österreich.

 

Derzeit hoffen wir auf die Vorsätze unserer neuen Bischöfin Cornelia Richter, für die es wichtig ist, diesen Tag wieder zu einem Feiertag für alle machen zu können.

 

Karfreitag als Feiertag ist ein wichtiges Zeichen der konfessionellen Gerechtigkeit in Österreich auch im Laufe des 20. Jahrhunderts gewesen. 1952, nach dem 2. Weltkrieg, wurde der Karfreitag im Generalkollektivvertrag für evangelische Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer als Feiertag eingeführt. Als 1955, im Laufe des Feiertagsruhegesetzes, der 8. Dezember zu einem zentralen religiösen und politischen Feiertag für die Katholiken erhoben wurde, wurde für die Evangelischen der Karfreitag als ein Ausgleich dazu auch gesetzlich eingeführt.  In dem Zeitraum von 1667 bis 1938 war der 8. Dezember für die katholische Bevölkerung ein wichtiger politischer Tag und war verbunden mit der Errichtung der Mariensäule in Wien als Siegessäule über die Protestanten. Der Karfreitag sicherte politische Gerechtigkeit, die bis 2019 galt und war ein wichtiges Zeichen nicht nur für die evangelische, sondern auch für die mehrheitlich katholische Bevölkerung.

 

Das eigentliche am Karfreitag ist aber mehr als nur die politische Gerechtigkeit.

 

Für viele Katholiken ist es selbstverständlich, Karfreitag zu feiern. Und nicht aus politischen Gründen, sondern aus dem Glauben. Karfreitag macht den Sinn des kommenden Osterfestes erst begreifbar. Lebensnah und tragend wird unser Glaube erst durch beide Feiertage - durch den Tod und durch die Auferstehung.

 

Am Karfreitag ist die eigentliche Würde des Menschen sichtbar. Und das ist keine Würde des Stärkeren oder des Siegers. Das ist die Würde des Menschen, dessen Leben durch die Sehnsucht nach Versöhnung geleitet ist.

 

Und das gilt auch heute für uns - nicht in Siegen und Erfolgen, nicht in Titeln und Errungenschaften, sondern in dem wirklichen, authentischen Leben liegt die Würde und der unendliche Wert jedes einzelnen Menschen. Auch und ganz besonders in den Augenblicken der Ratlosigkeit, die nur Gott allein unterbrechen kann.

 

Auf ihn vertrauen wir heute am Karfreitag, an dem Tag der Ratlosigkeit und des Schweigens - für uns selbst, für unsere Kinder und Kindeskinder und für diese Welt, die uns ratlos macht.

Amen.

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