Predigt über Nähe
Pfarrerin Mag. Dace Dischler
5. Mose 7, 6-12
6Denn du bist ein heiliges Volk dem Herrn, deinem Gott. Dich hat der Herr, dein Gott, erwählt zum Volk des Eigentums aus allen Völkern, die auf Erden sind. 7Nicht hat euch der Herr angenommen und euch erwählt, weil ihr größer wäret als alle Völker – denn du bist das kleinste unter allen Völkern –, 8sondern weil er euch geliebt hat und damit er seinen Eid hielte, den er euren Vätern geschworen hat. Darum hat der Herr euch herausgeführt mit mächtiger Hand und hat dich erlöst von der Knechtschaft, aus der Hand des Pharao, des Königs von Ägypten. 9So sollst du nun wissen, dass der Herr, dein Gott, allein Gott ist, der treue Gott, der den Bund und die Barmherzigkeit bis ins tausendste Glied hält denen, die ihn lieben und seine Gebote halten, 10und vergilt ins Angesicht denen, die ihn hassen, und bringt sie um und säumt nicht, zu vergelten ins Angesicht denen, die ihn hassen. 11So halte nun die Gebote und Gesetze und Rechte, die ich dir heute gebiete, dass du danach tust.
Verheißung des göttlichen Segens
12Und wenn ihr diese Rechte hört und sie haltet und danach tut, so wird der Herr, dein Gott, auch halten den Bund und die Barmherzigkeit, wie er deinen Vätern geschworen hat,
Liebe Gemeinde,
ich möchte euch auf eine Gedankenreise mitnehmen und euch fragen: Wann habt ihr das letzte Mal vollkommen zugehörig gefühlt? Wo und mit welchen Menschen war das so? Das Gefühl, dass ihr nicht nur willkommen oder herzlich aufgenommen, oder akzeptiert, sondern ganz zugehörig seid.
War das an einem Ort?
Bei einem Menschen?
In einer Familie?
In einer Freundesgruppe? Vielleicht ist das heute in der Kirche so?
Ein Miteinander, in dem ihr nicht überlegen müsst, was ihr sagt oder wie ihr wirkt. Ihr seid einfach nur da und dürft ganz ihr selbst sein. Solche Augenblicke gehören zu den kostbarsten Erfahrungen unseres Lebens, weil sie unser ganzes Leben verändern.
Denkt an die Kinder auf einem Spielplatz. Welches traut sich etwas zu, welches probiert alles aus und genießt das Spiel? Das stärkste? Oder das Kind, das weiß: Wenn ich falle, ist jemand für mich da, ich bin nicht allein, ich gehöre zu meiner Familie. Vertrauen in sich entsteht nicht durch Stärke, sondern Stärke wächst aus Vertrauen: Wenn ich falle, dann ist jemand für mich da.
Auch im Erwachsenenalter gilt das. Das dürfen wir in der Bibel entdecken. Das größte Geschenk Gottes an die Menschen ist nicht die Stärke, Größe oder Erfolg, sondern die Zugehörigkeit.
Bevor Gott etwas von Menschen erwartet, sagt er ihnen: Du gehörst zu mir.
Das ist das Wort, das die Menschen stark macht.
In der alttestamentlichen Sprache heißt das – der Bund. Etwas ähnliches, wie ein Vertrag uns doch ganz anders. In dem heutigen Predigttext ist dieser Bund stark an Bedingungen verknüpft und deshalb lässt uns erst an einen Vertag denken. Es ist deshalb, weil dieser Text nach dem Vorbild der politischen Vertragstexte zwischen Königen und ihre Vasallen bei den Hethitern, Assyrern und Aramäer verfasst wurde. Wie können wir das wissen? Zum Beispiel, der Letztere, der aramäische Staatsvertrag wurde 1930 in der Ortschaft Sfire 25 km entfernt von Aleppo von dortigen Einwohnern entdeckt. Der Fund waren Bruchstücke dreier Basaltstelen auf denen der Vertrag zwischen dem König Bar-Gaja von Ktk und Mati-El von Arpad, der um die Mitte des 8. Jahrhunderts vor Christus geschrieben wurde.
Nach diesem Vorbild des Staatsvertrages ist auch der heutige Predigttext verfasst. Dieses Wissen lässt uns verstehen, warum der Text mit Blick auf die bedingungslose Liebe, an die wir glauben, etwas ungewöhnlich klingt. Auch damals haben Menschen nach Vorlagen und Hilfe beim Schreiben gesucht.
Auch die Worte: „Du bist ein heiliges Volk. Der Herr hat dich erwählt.“ Klingt erst schwerlich. Leicht lässt es davon abzuleiten, dass die anderen, die anders glauben und anders leben, die nicht auserwählten sind. Liebt Gott manche mehr als andere? Gibt es vor Gott Menschen der ersten und der zweiten Klasse?
Doch das vermittelt dieser Text uns nicht. Ganz im Gegenteil.
Mose erinnert das Volk an seine Geschichte und Realität: Diese Auserwählten sind weder groß noch mächtig. Es ist keine Gruppe, die sich diese Stellung selbst erkämpft hätte. Mose sagt sogar ausdrücklich: „Nicht weil ihr größer wäret als alle anderen Völker, hat der Herr euch angenommen – ihr seid vielmehr das kleinste unter ihnen.“
Die Erwählung ist also keine Belohnung, sondern ein Geschenk Gottes.
Und sie hat nur einen Grund: Gott hat sich entschieden, eine Beziehung mit Menschen einzugehen.
Und nun werden diesen Menschen zwei tragende Lebensgrundlagen verheißen: Gottes Bund und seine beständige, liebevolle Zuwendung. Die Zuwendung (Im Luthertext als Barmherzigkeit übersetzt) wird mit einem Hebräischen Wort - ḥesed ausgedrückt. Dieses Wort lässt sich nicht wirklich übersetzen. Mit Worten wie Barmherzigkeit, Treue, Güte, Gnade, Loyalität werden nur Teilaspekte dieses Wortes erwähnt. Und das wird bis zu der tausendsten Generation reichen – das bedeutet unendlich, ewig. Die Zahl 1000 stand damals für das ganze, als eine allumfassende, größtmögliche Zahl. Das was Gott verspricht ist Liebe, die bleibt: verlässlich, eindeutig, verantwortungsvoll, treu, garantiert.
Als würde Gott sagen: „Egal, was passiert. Ich lasse euch nicht los.“
Das erklärt auch das zweite Versprechen Gottes: Den Bund.
Ein Bund ist mehr als ein Vertrag.
Ein Vertrag gilt, solange beide Seiten ihre Leistung bringen.
Ein Bund ist nicht auflösbar. Er lebt aus Treue Gottes.
Deshalb wiederholt Mose immer wieder: Gott ist treu.
Die Beziehung mit Gott wird nicht von der Stärke, Moral oder guten Taten der Menschen getragen, sondern von der Treue Gottes.
Deshalb ist dieser Text befreiend und gibt Nähe, weil er sagt: „Ihr gehört zu Gott, ihr habt diese Zugehörigkeit und ihr müsst euch nicht beweisen.“
Der Wunsch Gutes zu tun ist die Antwort auf Gottes Zuwendung und Treue, auf seine Beziehung mit uns. Er wächst aus der starken Überzeugung über die Zugehörigkeit, die bedeutet: Du darfst frei und mutig sein. Wenn du fällst, jemand ist für dich da. Du bist nicht allein.
So leben wir als Christinnen und Christen aus dieser Zugehörigkeit, aus dieser Nähe.
Auch im Römerbrief haben wir gelesen.
Das neue Leben beginnt nicht mit menschlicher Leistung. Es beginnt damit, dass Gott den Menschen in Christus einen neuen Anfang schenkt. Aus dieser neuen Identität wächst ein neuer Lebensstil.
Die Gebote sind deshalb keine Last, die man tragen muss, um geliebt zu werden.
Sie sind vielmehr eine Einladung, das Leben einzuüben, das zu einem passt. Das zu Menschen passt, die wissen: “Ich gehöre zu Gott.“
Und vielleicht ist das auch die tiefste Bedeutung des Wortes „heilig“, der im Predigttext genutzt wird.
Heilig sind in der Bibel nicht Menschen, die fehlerlos wären. Heilig ist, was Gott für sich in Anspruch nimmt, was zu ihm gehört und aus seiner Nähe lebt.Heiligkeit ist deshalb zuerst keine moralische Kategorie. Es ist ein Beziehungsgeschehen, die gelebte Nähe.
Ein Mensch ist heilig, weil Gott sagt: „Du gehörst zu mir.“ Und aus dieser Zugehörigkeit wächst eine neue Art zu leben – nicht aus Angst, sondern aus Vertrauen; nicht aus Zwang, sondern aus Liebe.
Im Römerbrief haben wir gehört, dass Apostel Paulus diese neue Art zu leben, mit der Taufe verbindet und zeigt, dass Liebe, die weiterfließt, verändert die Welt. So ist die Erwähnung keine Einladung in Club, sondern ein Weg zu Menschen, ein Weg in die Welt. Ähnlich, wie jede Begabung. Was tun wir mit ihr? Behalten wir sie für uns oder lassen wir sie in die Welt strahlen? So ist geschichtlich gesehen die Erwähnung Israels ein Fenster, durch das andere erkennen können, wie Gott ist. So ist unsere Taufe eine Gabe, damit die Welt die Barmherzigkeit Gottes durch uns erkennen darf. Ja, getauft zu sein ist eine Aufgabe.
Doch das ist keine einfache Aufgabe. Ganz im Gegenteil. Der heutige Predigttext fordert uns heraus, weil es viel weniger lässt uns fragen: „Warum hat Gott Israel erwählt?“ Sondern: „Wofür? Und was bedeutet das heute für mich?“
Und das können wir auch jeder von uns sich selbst fragen: Wofür bin ich getaut? Wofür sind wir eine evangelische Gemeinde? Hier in Diaspora! So klein! Wenn wir dem heutigen Text folgen, dann ist das egal. Wir haben die Möglichkeit uns trotzdem zu zeigen, das Evangelisch-Sein in der Gesellschaft zu vertreten. Wir haben die Möglichkeit die Zuwendung Gottes, seine Freiheit und Barmherzigkeit in dieser Welt sichtbar werden zu lassen. Dafür sind wir getauft. Dafür sind wir evangelisch. Dafür leben wir aus der Nähe Gottes. Amen.