Lesung: Lukasevangelium 15 (zum selber in der Bibel aufschlagen oder online suchen!)
Predigttext: Micha 7,18–20
„Wo ist solch ein Gott, wie du bist, der die Sünde vergibt und erlässt die Schuld denen, die geblieben sind als Rest seines Erbteils; der an seinem Zorn nicht ewig festhält, denn er hat Gefallen an Gnade! Er wird sich unser wieder erbarmen, unsere Schuld unter die Füße treten und alle unsere Sünden in die Tiefen des Meeres werfen. Du wirst Jakob die Treue halten und Abraham Gnade erweisen, wie du unsern Vätern vor Zeiten geschworen hast.“
Liebe Gemeinde,
es gibt einen Ort auf dieser Erde, an dem niemals Sonnenlicht ankommt.
Fast elf Kilometer unter dem Meeresspiegel im westlichen Pazifischen Ozean.
Der Marianengraben.
Er ist der tiefste bekannte Punkt unseres Planeten.
Wenn dort etwas versenkt wird, verschwindet es für immer aus unserem Blick.
Als Micha über Gottes Vergebung spricht, verwendet er ein ähnliches Bild. Er sagt: Gott wirft unsere Schuld in die Tiefen des Meeres.
Leben wir als Christinnen und Christen nach dieser Verheißung Gottes? Glauben Menschen an einen Gott, der zum Leben befreit? Oder kennen sie nur ein Gottesbild, das für Schuldzuweisungen missbraucht wird und auf das Menschen ihre eigene Unzufriedenheit projizieren können?
Die Bibel erzählt von einem Gott, der losbindet, der befreit, der dem Menschen mehr zutraut als nur seine Vergangenheit.
Wenn Gott so großzügig ist, warum leben dann sogar glaubende Menschen in Angst? Manchmal sogar in Angst davor, in die Kirche zu gehen?
Vielleicht aus Angst, sich selbst zu verlieren?
Viele Menschen sehnen sich danach, bei sich selbst zu bleiben und auf ihre eigene Weise zu glauben. Sie möchten ihre Freiheit bewahren, ihre Eigenständigkeit – auch in ihrem Glaubensleben.
Manchmal höre ich Sätze wie:
„Ich bete lieber allein. Meine Kirche sind der Wald und die Wiesen. Ich lasse mir nichts vorschreiben.“
In der Selbstbestimmung liegt etwas sehr Wertvolles. Seit etwa 250 Jahren genießen wir die Früchte der Aufklärung. Diese Entwicklung hat Menschenrechte, Demokratie, Bildung und persönliche Freiheit möglich gemacht.
Gleichzeitig stellt sie uns vor eine neue Herausforderung: Wer sich selbst zum einzigen Orientierungspunkt macht, trägt auch die ganze Last allein. Erschöpfung und Überforderung treten bei vielen Menschen auf.
Und das, obwohl viele Menschen die Voraussetzungen für ein erfülltes und wertvolles Leben hätten.
Worin verlieren sich Menschen heute tatsächlich? Warum nehmen Leid, Unzufriedenheit und Aggression zu?
In der Lesung haben wir gehört:
„Die Pharisäer und die Schriftgelehrten murrten und sprachen: Dieser nimmt die Sünder an und isst mit ihnen.“
Sie waren unzufrieden. Doch die Antwort Jesu ist überraschend. Er belehrt sie nicht darüber, wie sie dankbarer oder zufriedener werden könnten.
Jesus erzählt Geschichten von Verlorenheit und Liebe.
Er erzählt die Geschichte eines jungen Mannes, der sich selbst finden möchte.
Der sogenannte verlorene Sohn verlässt sein Zuhause. Er zieht los. Er folgt seinen Vorstellungen. Er gestaltet sein Leben nach eigenen Regeln.
Es ist die Geschichte eines Menschen, der ganz er selbst sein will.
Und irgendwann sitzt er zwischen den Schweinen am Tiefpunkt seines Lebens. Dort geschieht etwas Merkwürdiges.
Jesus erzählt darüber: „Da ging er in sich.“
Er findet sich selbst genau in dem Augenblick, in dem seine bisherigen Wege sinnlos geworden sind.
Vielleicht verlieren wir uns auch am häufigsten genau auf den Wegen, die wir für besonders selbstbestimmt halten, mit denen wir zwar unsere Ziele verfolgen, aber keine Vision haben.
Ich möchte drei davon nennen.
1. Der erste dieser Wege ist die Einsamkeit. Nicht zu verwechseln mit dem Alleinsein!
Genau wie der jüngere Bruder feiert auch unsere Zeit die Individualität.
Jeder baut sich seine eigene Welt um möglichst er selbst zu sein.
Jeder hat seine eigene Wahrheit, auch seinen eigenen Informationsraum.
Viele Menschen leben in einer eigener Blase unter Gleichgesinnten.
Paradoxerweise geschieht genau auf diesem Weg oft das, wovor die Menschen Angst haben: Sie verlieren sich, sie finden sich selbst nicht mehr.
Vielleicht ist das auch nicht paradox, weil Menschen sich selbst immer in Beziehungen entdecken. Auf diesem Weg fehlt das.
Ein Kind erkennt sich in den Augen seiner Eltern.
Freundschaften formen die Persönlichkeit.
Liebe und Paarbeziehungen lassen Menschen wachsen.
In Gemeinschaft erfahren Menschen Resonanz.
Wer über lange Zeit nur um die eigene Achse kreist, geht das Risiko ein den Kontakt zum eigenen Herzen zu verlieren.
Kirche kann eine Notbremse in diesem Kreisen sein, weil sie einen Begegnungsraum anbietet.
Kirche ist ein Raum, in dem wir erleben dürfen:
„Du bist mehr als das, was du über dich selbst denkst.“
2. Der zweite Weg, auf dem Menschen sich oft verlieren, heißt Perfektion.
Perfektion ist wie ein Krieg gegen sich selbst.
Statt Fürsorge richtet der Mensch Optimierungsmaßnahmen gegen seinen Körper und gegen seine Seele.
Egal ob Arbeit, Beziehungen, Freizeit, Ernährung oder Emotionen – alles hat einen Wunschzustand.
Immer gibt es noch etwas zu verbessern.
Vielleicht ist der ältere Bruder im Gleichnis diesen Weg gegangen.
Er macht alles richtig.
Jahrelang.
Verlässlich.
Pflichtbewusst.
Diszipliniert.
Und irgendwann wird sichtbar, wie schwer sein Herz geworden ist.
Es ist ohne Freude. Ohne Leichtigkeit. Ohne Dankbarkeit.
Optimierung und Perfektion geben Sicherheit und setzen Ziele, aber sie haben keine Vision von einer besseren Welt.
Die Bibel zeigt uns eine andere Realität: Gott liebt seine Kinder lange vor jedem Erfolg und eröffnet ihnen ein Leben mit einer Vision.
Deshalb ist Kirche ein Raum, in dem wir erleben dürfen:
„Du bist mehr als deine Taten, dein Können oder dein Scheitern. Du selbst bist eine Vision Gottes.“
3. Der dritte Weg, auf dem Menschen sich verlieren, ist die Suche nach den Fehlern von anderen.
Kaum etwas erzeugt ein so angenehmes Gefühl von Überlegenheit.
Der ältere Bruder betrachtet seinen heimkehrenden Bruder und sieht sofort dessen Versagen.
Seine Gedanken kreisen um Schuld, um Fehler und um Ungerechtigkeit.
Gut bekannt: Menschen investieren erstaunlich viel Kraft in Bewertungen.
Sie reden über die Welt, über Politik und Nachbarn.
Sie reden in sozialen Medien, beim Familientreffen, im Freundeskreis und mit Kollegen.
Die Aufmerksamkeit wandert ständig nach außen.
Dadurch verliert man Stück für Stück den Kontakt zum eigenen Inneren, weil der Fokus im Außen ist.
Kirche bietet uns den Raum, in dem wir angesichts Gottes auf unser eigenes Leben schauen sollen, uns selbst begegnen und die Tiefe unserer Seele erkunden können.
Der heutige Predigttext unterbricht ausdrücklich die Dynamik, in der Menschen sich durch Einsamkeit, Perfektion und Bewertung selbst verlieren.
Die Sünden sind in die Tiefen des Meeres geworfen, die Rückkehr zu sich selbst und zu Gott wird gefeiert.
Glauben bedeutet: Die Grundlage für ständige Selbstanklage und gegenseitige Anklage ist für immer weg. Das sagt uns der Prophet Micha.
Micha wirkte im 8. Jahrhundert vor Christus in Judäa zur Zeit der Könige Jotam, Ahas und Hiskia. Seine Aufgabe war es, soziale Ungerechtigkeit, Machtmissbrauch und religiöse Heuchelei zur Sprache zu bringen und die Menschen zur Umkehr zu rufen. Für Micha steht das aber in fester Verbindung mit einer großen Hoffnung auf Gottes Barmherzigkeit und eine gerechte Zukunft für alle Menschen. Micha hatte eine Vision von einer besseren Welt.
Das ist eine bemerkenswerte Parallele zum heutigen Evangelium.
Nur zeigt Jesus in einer Handlung, was es bedeutet, ohne die Macht der Sünde zu leben.
Es ist ein Fest.
Eine Rückkehr zu sich selbst und zu Gott.
So ist Kirche mit ihrer Botschaft ein Ort, an dem wir uns selbst in der Gegenwart Gottes wiederfinden dürfen.
Alles Trennende ist weg.
Ja, das müssen wir glauben.
Sichtbar ist es nicht.
Beweisen lässt es sich auch nicht.
Die Befreiung kann man aber spüren, das Fest erleben und die Freude teilen. Das ist die frohe Botschaft: Jesus führt jeden Menschen immer wieder zurück zur eigenen Seele, zum eigenen Herzen, auch zur eigenen Sehnsucht und zurück in die Verbundenheit.
Der verlorene Sohn findet seinen Weg nach Hause.
Und auch der ältere Sohn erhält dieselbe Einladung zum Fest.
Und beide Lebensgeschichten laufen auf denselben Punkt zu: Ein Mensch findet sich selbst und sein Glück dort, wo er sich lieben lässt.
Wo er sich nicht ständig selbst halten oder perfektionieren muss.
Wo er getragen wird. Auch von Menschen und der Gemeinschaft.
Aber vor allem: Von einem Gott, der Schuld in die Tiefen des Meeres wirft und dem Menschen mit offenen Armen entgegengeht.
Kirche brauchen wir deshalb, weil wir hier diesen Gott feiern und sie dadurch zu einem Ort wird, der entlastet. Jedenfalls so sollten wir in der Nachfolge Jesu die Kirche gestalten. Ob das immer so gelingt, ist abhängig von uns selbst.
Kirche soll ein Ort sein, der beflügelt. Ein Ort, der uns unabhängig von unseren Erfolgen eine Vision von einer besseren Welt schenkt, wie die Propheten sie predigten und wie Jesus sie umgesetzt hat. Es ist ein Ort der Versöhnung völlig unabhängig von dem, ob wir uns mehr dem älteren oder dem jüngeren Bruder ähneln.
Gott hat eine Vision für uns alle.
Und deshalb dürfen wir feiern. Deshalb dürfen wir fürsorglich und mit Vision für uns selbst da sein und in die Kirche gehenm um uns selbst nicht zu verlieren, um uns zu finden, um Heimat zu haben, in der wir immer mit offenen Armen empfangen werden und wo für uns ein Fest gefeiert wird. Jeder Gottesdienst ist ein kleiner Widerschein dieses Festes. Und wenn die ganze Welt einmal auf dem Kopf stehen würde, auch dann feiern wir die Liebe Gottes, die uns lehrt, uns selbst zu lieben, unseren Nächsten zu lieben und Gott zu lieben.
Amen.