Predigt am 15.2.2026
Predigt über das klare Sehen von Pfarrerin Dace Dišlere-Musta
Lk 18, 31-43
31Er nahm aber zu sich die Zwölf und sprach zu ihnen: Seht, wir gehen hinauf nach Jerusalem, und es wird alles vollendet werden, was geschrieben ist durch die Propheten von dem Menschensohn. 32Denn er wird überantwortet werden den Heiden, und er wird verspottet und misshandelt und angespien werden, 33und sie werden ihn geißeln und töten; und am dritten Tage wird er auferstehen. 34Sie aber verstanden nichts davon, und der Sinn der Rede war ihnen verborgen, und sie begriffen nicht, was damit gesagt war.
35Es geschah aber, als er in die Nähe von Jericho kam, da saß ein Blinder am Wege und bettelte. 36Als er aber die Menge hörte, die vorbeiging, forschte er, was das wäre. 37Da verkündeten sie ihm, Jesus von Nazareth gehe vorüber. 38Und er rief: Jesus, du Sohn Davids, erbarme dich meiner! 39Die aber vornean gingen, fuhren ihn an, er sollte schweigen. Er aber schrie noch viel mehr: Du Sohn Davids, erbarme dich meiner!
40Jesus aber blieb stehen und befahl, ihn zu sich zu führen. Als er aber näher kam, fragte er ihn: 41Was willst du, dass ich für dich tun soll? Er sprach: Herr, dass ich sehen kann. 42Und Jesus sprach zu ihm: Sei sehend! Dein Glaube hat dir geholfen. 43Und sogleich wurde er sehend und folgte ihm nach und pries Gott. Und alles Volk, das es sah, lobte Gott.
Liebe Gemeinde,
wer regelmäßig durch das Waldviertel unterwegs ist, auch wenn dichter Nebel die Landschaft verschluckt, kennt dieses Gefühl: Man sieht kaum weiter als bis zur eigenen Motorhaube. Die Welt verliert ihre Weite, und vor uns steht nur noch die graue Wand des Nebels. Alles, was darüber hinausliegt, bleibt verborgen. Man fährt langsamer, vorsichtiger, konzentrierter.
Es ist anstrengend, im Nebel zu fahren - aber wir fahren weiter, weil wir zur Arbeit oder nach Hause müssen, weil jemand auf uns wartet, weil wir ankommen wollen.
Gefährlich wird es nicht durch den Nebel selbst, sondern durch die Einbildung, man kenne sich hier gut aus. Wer glaubt, die Strecke zu kennen, obwohl er sie nicht sieht, ist nicht unbedingt mit größerem Vertrauen unterwegs, aber sicher unachtsamer. Er ersetzt Wahrnehmung durch Erinnerung. Und genau darin liegt die eigentliche Gefahr: zu meinen, man wisse schon alles.
Dieses Bild sagt viel über die Gefahren in unserem Glauben.
Christen - und nicht nur sie - haben mitunter die Neigung zu glauben, sie wüssten von Anfang an, wie alles ausgeht. Sie kennen das Ende der Geschichte. Sie kennen die theologischen Antworten. Sie kennen die frommen Formeln. Und gerade deshalb hören manche Menschen keine Predigten mehr. Nicht, weil sie Gott ablehnen, sondern weil sie dieses eingebildete Wissen nicht akzeptieren wollen.
Sie wollen nicht in der Kirche sitzen wie zu Hause auf dem Sofa vor einem Film, dessen Ende man schon kennt - man schaut noch, aber innerlich ist man längst nicht mehr dabei.
Die Fähigkeit zu erkennen, dass wir nicht nur auf nebligen Straßen, sondern auch im Leben immer nur das sehen, was direkt vor unserer Nase liegt, ist eine heilsame Einsicht.
Die Frage ist: Wollen wir weitersehen - oder bleiben wir lieber bei dem, was wir schon kennen und freuen uns auf die nebligen Tage?
Die Aufforderung Jesu: "Seht, wir gehen hinauf nach Jerusalem, und es wird alles vollendet werden, was geschrieben ist durch die Propheten von dem Menschensohn" setzt uns in Bewegung, auch wenn wir weiterhin, ähnlich wie die Jünger, wenig davon verstehen.
Ich finde es spannend, darüber nachzudenken: Was haben die Jünger damals gedacht? Und womit beschäftigen wir uns? Was denken wir, wenn die Welt um uns herum nicht ganz leicht verständlich ist?
Wollen wir überhaupt wissen, was jenseits der Nebelwand liegt? Interessiert uns die Weite oder genügt uns der kleine, überschaubare Ausschnitt unseres Lebens?
Wollen wir weitergehen, etwas Neues lernen oder singen wir lieber ein Leben lang die alten, bekannten Lieder, im direkten und übertragenen Sinne?
Manchmal erleben wir den Nebel als einen Schutzraum vor dem, was draußen geschieht.
Und trotzdem ist es ein besonderer Moment, wenn sich der Nebel hebt und die Welt in ihrer Weite sichtbar wird - mit all ihrer Schönheit und all ihrem Schmerz.
Denn die Weite - die Einladung, sich in Bewegung zu setzen - ist lebensstiftend.
Weite bedeutet Raum zum Wachsen, Raum zum Staunen, Raum für das Unverfügbare.
Gott zwingt uns diese Weite nicht auf. Er bietet sie uns an - wie etwa im Hohelied der Liebe. Immer wieder werden wir von diesem Text berührt und staunen über die Weite, die er eröffnet. Deshalb lieben wir diese Worte, auch wenn wir manchmal ratlos bleiben, weil sie von etwas hinter der Nebelwand erzählen.
Doch die Sehnsucht nach Liebe und Glück hilft uns, unsere Sicht zu erweitern. Sie lässt uns, ähnlich wie den Blinden im Evangelium, unsere eigene Begrenztheit spüren und aussprechen. Erst dann kann Gott kommen und uns fragen, ob wir wirklich SEHEN wollen.
Die Frage Jesu ist bemerkenswert. Natürlich will ein Blinder sehen - so meinen wir! Doch Jesus geht nicht einfach hin und macht ihn sehend. Er fragt nach dem Willen. Nach seiner Bereitschaft.
Auch die Jünger sehen vieles nicht. Sie begreifen vieles nicht bis sie es dann hautnah erleben und so klarer sehen lernen. Ohne ihre eigene Bereitschaft werden sie nicht zum Sehen gezwungen.
So ist es auch in unserem Alltag. Jedes Gebet beginnt implizit mit einer Frage Gottes an uns: Willst du etwas? Erwartest du etwas? Soll etwas geschehen? Oder willst du heute nur klagen? Übrigens: Auch das ist gesund und sinnvoll.
Jeder Gottesdienst, jede Hinwendung zu Gott, stellt diese stille Anfrage an uns selbst: Was willst du, dass ich für dich tun soll?
Willst du sehen? Willst du die Weite, die der Glaube eröffnet?
"Du stellst meine Füße auf weiten Raum", heißt es im Psalm. Weite bedeutet weniger Sicherheit, aber sie eröffnet Möglichkeiten. Gott eröffnet einen Weg, auf dem sich der Nebel Stück für Stück lichtet, aber das Ganze bleibt unseren Augen trotzdem verborgen.
Der Glaube ist ein Weg durch Landschaften, die wir nie gekannt haben, durch Gegenden, von denen wir nie geträumt hätten und manchmal durch Ereignisse, die wir uns nie gewünscht haben.
Und doch ist der Glaube ein vorbereiteter Weg. Nicht im Sinne einer festgelegten Strecke, sondern als ein Raum, der uns sehend, lebendig und liebend macht in der Nachfolge Jesu.
Fast unmöglich? Fast wundersam? Heilsam! Wie in der Geschichte, in der Jesus auf dem Weg nach Jerusalem stehen bleibt, um den blinden Menschen zu heilen.
Amen.